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Digitalisierung im Gesundheitssektor – Zu Besuch beim Experten-Zirkel der apoAsset

Die Digitalisierung ist – wie in anderen Branchen – auch im Gesundheitssektor nicht mehr zu stoppen. Damit einher gehen sowohl Chancen als auch Risiken. Viele etablierte Akteure machen sich nun darüber Gedanken und entwickeln neue digitale Strategien. Dieser Blogbeitrag ist aufgrund eines von der apoAsset ins Leben gerufenen Experten-Zirkels zu Digital Health und den Potentialen für Gesundheitsinvestments entstanden. 

Am 23. November 2016 fand in Berlin der 1. Experten-Zirkel für digitale Gesundheits-Investments statt. Veranstalter waren die Deutsche Apotheker- und Ärztebank (apoBank) und ihre Fondsgesellschaft Apo Asset Management GmbH (apoAsset). Ort der Veranstaltung war das Startup- und Investoren-Zentrum „Rainmaking Loft“. Fondsmanager, Marktanalysten und der wissenschaftliche Beirat der apoAsset erörterten vor geladenen Gästen die Entwicklungen und das (Anlage-)Potenzial der Digitalisierung im Gesundheitsmarkt.

Bildquelle: Apo Asset Management GmbH / Robert Schlesinger

Die apoAsset ist als Fondsgesellschaft eng mit der apoBank – genauer Deutsche Apotheker- und Ärztebank – verbunden. Das wiederum ist eine Genossenschaftsbank, deren Gründung auf das Jahr 1902 zurück geht. Sie steht in erster Linie akademischen Heilberuflern offen und bietet sowohl Bankprodukte, Finanzierungen als auch Anlageberatung. Und mit der apoAsset auch globales Fondsmanagement für private und institutionelle Anleger.

Bei der apoAsset macht man sich viele Gedanken zum Thema Digitalisierung. Und so wurde am 23.11.2016 ein Experten-Zirkel mit geladenen Gästen in Berlin ins Leben gerufen, der dieses Thema adressierte. Ich durfte dabei sein und versuche, Rückschlüsse aus der Sicht von Gesundheits-Startups zu ziehen – wird sich die apoAsset zum Beispiel demnächst auch  als Kapitalgeber für Entrepreneure betätigen?

Die apoBank und Gesundheits-Startups

Der Experten-Zirkel hat sich im Rainmaking Loft in Berlin-Mitte getroffen. Dort befindet sich ein Co-Working Space, in dem 2015 auch der Eye Focus Accelerator Berlin angesiedelt war. Im Moment arbeiten dort nun die zehn Gründerteams des startupbootcamp Digital Health an ihren Ideen und Produkten. Und auch die apoBank ist dort aktiv – Jessica Hanneken von der apoBank unterstützt in diesem Durchgang die Startups als Mentorin. Zudem begleitet die apoBank neben anderen etablierten Gesundheitsunternehmen das startupbootcamp auch durch die Bereitstellung von Ressourcen. An einzelnen Startups hat sich die Bank allerdings bisher noch nicht finanziell im Sinne eines VCs oder Kreditgebers beteiligt. Generell ausgeschlossen ist das für die Zukunft aber nicht. Und: Das Thema Digitalisierung wird dort als sehr wichtig wahrgenommen,  da so zum Beispiel höhere Transparenz, Geschwindigkeit und die schnelle Überbrückung von großen Distanzen in der Gesundheitsversorgung möglich werden.

Die 360°- Gesundheitsstudie der apoBank zur Digitalisierung des Gesundheitsmarktes

Darum hat die apoBank auch eine Studie zur Digitalisierung des Gesundheitsmarktes in Auftrag gegeben, die im Mai 2016 veröffentlicht und nochmals beim Expertenzirkel vorgestellt wurde. Dabei sollte man sich immer vor Augen halten: Wichtige Kunden der apoBank sind die Angehörigen der etablierten akademischen Heilberufe. Und die sind auch Zielgruppe – oder zumindest wichtige Stakeholder – für jedes Gesundheits-Startup!

Die Studie beinhaltet sowohl eine quantitative Befragung als auch eine qualitative Vertiefung durch Experteninterviews. Wie zu erwarten, so sagt es Jessica Hanneken, die die Studie vorstellt, ist der deutsche Gesundheitsmarkt mit Blick auf die Digitalisierung noch nicht so weit fortgeschritten wie andere Branchen. Während der Digitialisierungsgrad dort meist über 60% beträgt, sind es im Gesundheitssektor 37-41%. Da ist also viel Potential für Veränderungen!
Die Studie der apoBank identifiziert zehn Entwicklungspfade für Digitalisierung im Gesundheitsmarkt. So etwa personalisierte Versorgungsangebote, Community-Plattformen und verschiedene Ansätze des Monitoring, Tracking & und der Datensammlung. Die Standesorganisationen der Heilberufler halten übrigens die Entwicklungspfade „digitale Vernetzung“, „computergestützte Diagnostik und Therapie“ und „Monitoring, Tracking und Datensammlung“ für die relevantesten.
Im nächsten Schritt wurden dann 500 Heilberufler dazu befragt, inwiefern diese Entwicklungen ihren beruflichen Alltag, ihre Beziehung zu den Patienten und die Strukturen der Gesundheitsversorgung verändern. Außerdem wurde Einschätzungen dazu erbeten, ob Zusatzinvestitionen erforderlich werden, wann sich diese Entwicklungen durchsetzen werden und wer davon wirtschaftlich profitieren wird. Zusammengefasst lauten die Ergebnisse dieser Befragung wie folgt:
  • Es werden starke Veränderungen in den Strukturen der Gesundheitsversorgung erwartet (genauer im Bezug auf die Grenzen zwischen ambulanten und stationärem Sektor)
  • Die Arzt-Patientenbeziehung bleibt aber vergleichsweise unberührt
  • Die digitale Vernetzung von Leistungserbringern wird als der Entwicklungspfad mit dem größten Veränderungspotential beurteilt
  • Die Heilberufler erwarten hohe Investitionen bei gleichzeitig vergleichsweise geringen Profiten und eine schnelle Durchsetzung der Digitalisierung (innerhalb er nächsten vier Jahre)
  • Mögliche Nachteile der Digitalisierung aus Sicht der Heilberufler sind: Datenmissbrauch, steigende Bürokratie- und Informationsflut und hohe Kosten
  • Und mögliche Vorteile: bessere medizinische Versorgung, transparentere Dokumentation und effizientes Datenmanagement

In der qualitativen Vertiefung wurden dann vor allem Angehörige von Standesorganisationen der akademischen Heilberufe befragt. Interessant: Die gehen von weniger Veränderungen aus. Und sind in einer Position, das Gesamtsystem – zumindest partiell – mitgestalten zu können. Welche Position der Arzt in einem digitalisierten Gesundheitssystem einnimmt, könnte gemäß Aussagen  in der Studie davon abhängen, ob die ärztlichen Grundtugenden erhalten bleiben und wie teuer ärztliche Leistungen im Vergleich zu gleichwertig digital erbringbaren Leistungen sind.

Digitale Lösungen und die Rolle des Arztes

Auch in der folgenden Expertendiskussion machte Professor Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen deutlich, dass seiner Ansicht nach digitale Anwendungen Behandlungen sinnvoll ergänzen, aber den Arzt nicht ersetzen können. Dies deckte sich auch mit der Sicht von Dr. Thoams Aßmann, der mit TeleArzt eine qualitative Versorgung von Patienten mit telemedizinischen Lösungen anstrebt. Er betonte die Wichtigkeit der realen und persönlichen Arzt-Patientenbeziehung, die durch Vertrauen geprägt und daher nicht substituierbar sei. Ebenso argumentierte Prof. Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, dass sich manche Diagnosen eben nur durch ein Anfassen des Patienten stellen ließen und digitale Lösungen aus diesem Grund nur als Hilfsmittel zu sehen seien. Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin betonte hingehen die Vorteile von digitalen Lösungen im Umgang mit der knappen Ressource Arzt: Zum Beispiel schnelle Online-Face-to-face-Termine oder Vorteile bei der computergestützten Auswertung von großen Datenmengen werden so möglich.

Digital Health als Herausforderung für das bestehende System?

In einem weiteren Expertenvortrag erläuterte Hendrik Lofruthe von der apoAsset, welche Herausforderungen die Digitalisierung für das bestehende Gesundheitssystem mit sich bringen könnte. Dabei warf er ein Spannungsfeld zwischen Arzt, Patient und Unternehmen auf, wobei er auch die Wichtigkeit von Krankenversicherungen betonte. Konkrete Herausforderungen entstehen dabei  laut Herrn Lofruthe in folgenden Bereichen:

  • Für den Patienten: Besitz von und Umgang mit den erhobenen Daten? Wer erklärt digitale Anwendungen? Worauf kann man sich als Patient verlassen?
  • Für den Arzt: Wer entscheidet nun? Wie wichtig ist der „Mensch Arzt“ im Zuge der zunehmenden Digitalisierung? Digitalisierung als Chance oder Bedrohung?
  • Für Unternehmen: Umgang mit bestehenden (oder zu erwartenden) Regulierungen?
  • Für Investoren: Digitalisierung als Hype oder nachhaltige Transformation?

Mein Fazit

Die apoBank plant noch mehr Expertengespräche zum Thema Digitalisierung. Spannend finde ich, dass dabei die beiden Welten Gesundheit und Kapitalmarkt systematisch verbunden werden, wie Herr Sommer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der apoBank, zu Beginn deutlich machte. Im Moment scheinen Digital Health-Startups im Gegensatz zu z.B. BioTechs und Pharmaunternehmen allerdings noch nicht allzu attraktiv für diesen Kapitalmarkt zu sein – aber das mag sich vielleicht ändern, wenn kommende Trends intelligent bespielt werden. Etablierte Unternehmen der Gesundheitsversorgung öffnen sich jedenfalls zunehmend Gesundheits-Startups, indem sie zunächst als strategische Investoren wie durch die Beteiligung beim startupbootcamp oder wie hier tätig werden. So wurde auch beim Expertenzirkel der apoAsset das Interesse der eigenen Kompetenzentwicklung im Hinblick auf jüngste Entwicklungen benannt. Es bleibt abzuwarten, ob sich etablierte Unternehmen wie die apoBank zukünftig auch  im Bereich Digital Health als Finanzinvestoren betätigen werden – Gesundheitsinvestments werden von der apoAsset generell als sehr attraktiv eingeschätzt!

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