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Gesundheitsplattformen in Deutschland – Typen, Funktionen und Anbieter

Neben der sich immer noch in den Startlöchern befindlichen elektronischen Gesundheitskarte nebst Telematikinfrastruktur haben sich in den letzten Jahren sehr unterschiedliche Gesundheitsplattformen in Deutschland entwickelt. Dieser Beitrag beschreibt verschiedene Typen, Funktionen und Anbieter von Gesundheitsplattformen.

Gesundheitsplattformen – Typen und Beispiele

Es gibt verschiedene Arten von Gesundheitsplattformen. Diese lassen sich zum einen danach unterscheiden, ob sie eine oder mehrere Zielgruppen adressieren. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist, ob die Plattform den ersten oder zweiten Gesundheitsmarkt adressiert.

Einseitige vs. zweiseitige Plattformen: Dient eine Plattform zum Austausch innerhalb einer Zielgruppe, handelt es sich um eine einseitige Plattform. Ein Beispiel hierfür wäre eine Online-Community, die sich zu einer bestimmten Krankheit austauscht. Zwei- oder mehrseitige Plattformen verbinden hingegen mehrere Gruppen, also z.B. Patienten und Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen.

Erster vs. zweiter Gesundheitsmarkt: Darüber hinaus gibt es lassen sich Plattformen danach unterscheiden, ob sie den ersten oder den zweiten Gesundheitsmarkt adressieren. Einige Pattformen richten sich in erster Linie an den zweiten Gesundheitsmarkt (Beispiele: Apple Health und Runtastic). Dabei handelt es sich häufig um einseitige Plattformen die sich nur an eine Zielgruppe richtigen – Endnutzer in Form von Kunden. Darüber hinaus gibt es auch zunehmend Plattformen, die den ersten Gesundheitsmarkt adressieren, indem sie z.B. Leistungserbringer und Patienten verknüpfen und dadurch Vorteile für beide Seiten schaffen (z.B. den unkomplizierten Austausch von Daten). Solche zweiseitigen Plattformen profitieren davon, dass sie einen Nutzen für verschiedene Zielgruppen generieren.

Zur Verdeutlichung stelle ich hier verschiedene Beispiele für Gesundheitsplattformen vor. Und es gibt sicher noch mehr als diese…

  • hello – das Helios Patientenportal: Diese bisher einseitige, den ersten Gesundheitsmarkt adressierende Plattform ermöglicht Patient*innen vor, während und nach einem Aufenthalt in einer Helios-Klinik Zugang zu verschiedenen relevanten Informationen und Daten. Mit dem Spin-Off Smart Helios werden bewusst Digital Health Startups angesprochen, die vielleicht auch als weitere Beitragende für eine (dann mehrseitige) Plattform in Frage kommen.
  • Vitabook: Vitabook bezeichnet sich selbst als Gesundheitskonto und verfolgt das Ziel des Austausches von Patientendaten. Dabei haben nach Erlaubnis durch den Patienten auch Ärzte Zugang zu diesen Daten. Darüber hinaus bietet Vitabook auf Services wie die Erstellung von Medikamentenplänen und Terminanfragen bei Ärzten an. Es handelt sich also um eine zweiseitige Plattform, die für Patient*innen nach drei Monaten Nutzung zahlungspflichtig wird und damit dem zweiten Gesundheitsmarkt zuzuordnen ist.
  • Elektronische Gesundheitsakte der Techniker Krankenkasse: Seit Sommer 2017 hat die Techniker Krankenkasse eine Entwicklungspartnerschaft zu einer elektronischen Gesundheitskarte mit IBM angestoßen. Ziel ist hier ebenfalls, einen verbesserten Austausch von Daten zwischen Patientinnen und unterschiedlichen Ärzten zu ermöglichen. Also ebenfalls eine zweiseitige Plattform, die aber eher den ersten Gesundheitsmarkt adressiert.
  • Gesundheitsplattform der AOK-Gemeinschaft: Entwicklungspartner dieses Vorhabens ist Cisco. Auch hier geht es um den Zugang zu und Austausch von Patientendaten. Auf Basis der Plattform sollen außerdem neuartige Gesundheitsprodukte für Versicherte angeboten werden. Es handelt sich also ebenfalls um eine zweiseitige Plattform, die in erster Linie den ersten Gesundheitsmarkt adressiert. Je nachdem wie sich das Angebot von Gesundheitsprodukten für Versicherte gestalten wird, handelt es sich hierbei evtl. auch um ein Angebot im zweiten Gesundheitsmarkt.
  • Apple HealthKit: Apple HealthKit hingegen ist eine Plattform für App-Entwickler, die verschiedene Gesundheitsapps beherbergt. Einige Apps werden dabei auch von Leistungserbringern genutzt. So setzen z.B. verschiedene Kliniken in den USA sie zur Fernüberwachung von Patienten ein. Also, mit Blick auf Deutschland: Mehrseitige Plattform im zweiten Gesundheitsmarkt.

Man sieht also: Es gibt nicht nur unterschiedliche Arten von Plattformen. Sie werden auch von unterschiedlichen Anbietern – Klinikkette vs. Start-up vs. Krankenkasse vs. Technologiekonzern bereitgestellt.

Funktionen von Plattformen

Das deutsche Gesundheitswesen hinkt mit der Entwicklung von Plattformen im Vergleich zu anderen Branchen (man denke z.B. an die Tourismusindustrie, Uber und Lieferdienste) und auch anderen Ländern (z.B. der skandinavische Raum) hinterher. Dennoch ist aus der wissenschaftlichen Plattformliteratur ziemlich gut bekannt, welche Funktionen (Gesundheits-) Plattformen erfüllen können. Dabei haben Plattformen das Potential, zur Überwindung der häufig genannten Fragmentierung des Gesundheitswesens beizutragen. Denn das haben sie zu bieten:

  1. Eine Verbesserung der Koordination zwischen (verschiedenen) Leistungserbringern und Patienten, z.B. durch erleichterten Informationsaustausch und/oder die aktive Einbindung von Patienten in ihre Behandlung. Hierzu gehören z.B. Plattformen, die den Austausch und Zugang zu Patientendaten vereinfachen wollen. Dadurch wird auch ein Empowerment von Patientinnen möglich.
  2. Generierung von Innovation, z.B. durch die Auswertung von Userdaten zur Entwicklung neuer Therapieoptionen. Plattformen können in einem zweiten Schritt dann auch dazu beitragen, diese Innovationen zu verbreiten: Denn nur durch Wachstum und die Generierung von Netzeffekten (s.u.) können die meisten digitalen Plattformen überleben. Einige Apps, die z.B. auf Apples HealthKit basieren, verfolgen explizit das Ziel Forschung voranzutreiben (siehe auch ResearchKit).

Die meisten Plattformen streben mit Blick auf ihr Wachstum das Erreichen von sogenannten Netzeffekten an. Ein Netzeffekt liegt dann vor, wenn der Nutzen für einen Plattformkunden steigt, wenn sich die Anzahl der Nutzer desselben Produktes oder komplementärer Produkte ändert. An einem ganz konkreten Beispiel: Wenn ich eine Online-Plattform zur Terminvereinbarung mit Ärzten nutzen will, ist es natürlich gut, wenn möglichst viele Ärzte dort mitmachen. Vielleicht bin ich ja dann auch bereit für die Terminvereinbarung zu zahlen, falls es ganz dringend ist… Und für die Ärzte ist es natürlich wiederum auch attraktiv, wenn viele Patienten mitmachen.

Fazit

Bisher befinden sich die meisten Gesundheitsplattformen in Deutschland noch in der Aufbauphase. Ich bin gespannt, welche Plattformen einen so entscheidenden Nutzen für ihre Zielgruppen generieren können, dass sie sich dauerhaft durchsetzen. Und ob es spätestens dann zum Wettbewerb auch zwischen Gesundheitsplattformen kommt. Schon die sich zumindest auf den ersten Blick ähnelnden – ich lasse mich gerne belehren – Plattformen von AOK und TK legen das ja nahe…

Bildquelle: pixabay.com

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