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Gesundheitswesen vs. Gesundheitssystem vs. Gesundheitswirtschaft vs. Gesundheitsbranche vs. Gesundheitsmarkt?!

Ich arbeite im / in der… . Die Begriffe bezeichnen doch ungefähr alle dasselbe – oder doch nicht? Ich versuche mich an einer Begriffsabgrenzung. Aber Achtung: Ist im Alltag ziemlich nebensächlich, zeigt aber den Wandel des deutschen Gesundheitssystems.

verwirrter-frosch

Gesundheitswesen

Laut dem Duden bezeichnet das Suffix „-wesen“ in Wortbildungen „mit Substantiven einen Bereich, eine Gesamtheit, die etwas in seiner Vielfalt umfasst“. Somit benennt der Begriff Gesundheitswesen also erst mal alles, was mit Gesundheit zu tun hat. Wikipedia* lässt uns außerdem wissen, dass der Begriff „Wesen“ auch administrative und betriebswirtschaftliche Entitäten bezeichnen kann. Somit wird klar, dass es sich hierbei also um die Menge von Organisationen und Akteuren handelt, die im Bereich Gesundheit unterwegs sind. Der Begriff Gesundheitswesen allein sagt noch nichts darüber aus, ob man einen besonderen Blick auf die Verhältnisse zwischen diesen Organisationen und ihre Zwecke (z.B. Gesundheitssystem) einnimmt oder gar eine ökonomische Sichtweise (z.B. Gesundheitsmarkt, Gesundheitswirtschaft, Gesundheitsbranche) im Kopf hat.

Gesundheitssystem

Hier wird es trickreich – der Begriff kann nämlich auf (mindestens) zwei Arten verstanden werden.

  1. Mit dem Begriff Gesundheitssystem wird einerseits auf die Vorstellung eines weitgehend staatlich regulierten, sozialen Sicherungssystems Bezug genommen, das der Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit dient (siehe auch Absatz 2 dieses von der WHO herausgegebenen Dokumentes). Somit stehen hier die Aufgaben und Zwecke von Gesundheitsorganisationen im Zentrum der Betrachtung. Hier wird keine ökonomische Perspektive auf die Gesundheitsversorgung eingenommen – sofern damit eben das vor allem staatlich organisierte Sicherungssystem gemeint ist, was sich zum Beispiel durch das Vorhandensein von verschiedenen (Pflicht-) Versicherungen (Krankenversicherung, Rentenversicherung, Pflegeversicherung…) auszeichnet.
  2. Allerdings zeigt ein erneuter Blick in den Duden, dass ein „System“ auch ein Prinzip, nach dem etwas geordnet wird bzw. einen Zusammenhang zwischen Objekten, bezeichnen kann. Somit kann dieser Begriff also auch einfach die Menge von und die Verhältnisse zwischen Gesundheitsorganisationen und ggf. Unternehmen sowie die dazugehörigen Regeln in den Blick nehmen, was ein ökonomisch orientiertes Handeln dieser Organisationen nicht ausschließt.

Gesundheitswirtschaft

Hier steht nun eine wirtschaftliche Sichtweise auf die Gesundheitsversorgung im Zentrum. Dabei wird die ökonomische Seite eines Gesundheitssystems – das aus privatwirtschaftlichen Unternehmen und/oder öffentlichen Organisationen bestehen kann – in den Blick genommen. Uwe Preusker macht hier dabei deutlich, dass man das „Ökonomische“ auf zwei sich nicht ausschließende Arten sehen kann: Erstens kann man betrachten, wie die Gesundheitsversorgung an sich, also genauer das Verhältnis von Aufwand und Nutzen, möglichst ökonomisch gestaltet werden kann. Zweitens kann man auch die (gesamt)wirtschaftliche Bedeutung des Gesundheitssystems in den Blick nehmen und z.B. schauen, wie viel dieser Wirtschaftszweig  zum Bruttosozialprodukt beiträgt und wie viele Beschäftigte es dort gibt.

Welche Bereiche genau zur Gesundheitswirtschaft gehören, ist Definitionssache. Eine enge Definition würde davon ausgehen, dass nur die stationäre und ambulante Gesundheitsversorgung zählt. Eine sehr weite Definition würde auch Zuliefererindustrien wie zum Beispiel die Pharmabranche und den verbundenen Wellnessbereich dazu zählen (wer genauer nachlesen will: auch da finde ich das Buch von Herrn Preusker hilfreich, der sich unter anderem auf das Zwiebelmodell von Dahlbeck und Hilbert bezieht).

Gesundheitsbranche / Gesundheitsindustrie / Gesundheitssektor

Eine Branche oder Industrie – manchmal auch als Sektor bezeichnet – ist wiederum ein Wirtschaftszweig. Somit wird hier eine Ein- und Abgrenzung von Organisationen und Akteuren vorgenommen, wobei eine wirtschaftliche Sichtweise impliziert ist. Wer im Fall der Gesundheitsbranche dazu gehört, liegt wie eben beschrieben im Auge des Betrachters.

Gesundheitsmarkt

Die Bezeichnung Gesundheitsmarkt ist ebenfalls eng mit der wirtschaftlichen Sichtweise verknüpft. Mit Blick auf die Geschichte des deutschen Gesundheitssystems wird deutlich, dass in der Vergangenheit (beginnend ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts) immer mehr marktliche Elemente in das ehemals vor allem staatlich bzw. in Selbstverwaltung organisierte, nicht gewinnorientierte System eingeführt worden sind. Dazu gehören z.B. Anreize zu mehr Wettbewerb zwischen den Krankenversicherungen oder die Auflockerung von staatlichen (marktbeschränkend wirkenden) Regulierungen. Somit, und so argumentiert hier auch Herr Schlüchtermann, entwickelten sich Organisationen der Gesundheitsversorgung zunehmend zu modernen Unternehmen, die für als Kunden verstandene Patienten bestmögliche Dienstleistungen erbringen. Denn auf dem Markt treffen idealtypischerweise Waren- bzw. Dienstleistungsangebot und –nachfrage zusammen und Preise beginnen eine wichtige Rolle zu spielen.

Es lassen sich verschiedene Gesundheitsmärkte unterscheiden. In Deutschland häufig vorzufinden ist dabei die Differenzierung zwischen erstem und zweitem Gesundheitsmarkt (das wird wunderbar hier erklärt).

Fazit

Die genauere Betrachtung der verschiedenen Begriffe macht deutlich, dass sie jeweils mit einer unterschiedlichen Perspektive auf die Gesundheitsversorgung schauen – die ökonomische Sichtweise steht unterschiedlich stark im Vordergrund. Die parallele (und genau genommen oft zu unrecht synonyme) Verwendung dieser Begriffe mag daher stammen, dass die Ökonomisierung des deutschen Gesundheitswesens schrittweise stattgefunden hat und weiter stattfindet. Für den alltäglichen Sprachgebrauch ist es vermutlich herzlich egal, welchen Begriff man benutzt – das Gegenüber wird einen in jedem Fall verstehen.

Als Wissenschaftlerin hat mich die Frage der präzisen Bezeichnungen allerdings dennoch umgetrieben.

*Nein, Wikipedia zählt nun wirklich nicht als wissenschaftliche Quelle. Aber um sich einen schnellen Überblick zu verschaffen, ist die Seite wie ich finde durchaus hilfreich und legitim!

Bildquelle: pixabay.com

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