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Qualitätsmessung in der Gesundheitsversorgung – Im Gespräch mit heartbeat medical, Teil 1

Wir alle wünschen uns eine hochqualitative Gesundheitsversorgung. Aber was bedeutet „Qualität“ in diesem Fall eigentlich? Und wie kann man sie messen? „Qualität in der Gesundheitsversorgung ist ein Zuwachs von Lebensqualität“, sagt das Team von heartbeat medical, das ein webbasiertes System zur Qualitätsmessung von medizinischen Leistungen entwickelt hat.

foto-teamDas Team von heartbeat medical: Yannik Schreckenberger, Marc Tiedemann, Yunus Uyargil, Sebastian Tilch

Bildquelle: Michael Lämmler

Eine hohe Qualität der Gesundheitsversorgung ist aus verschiedenen Gründen ein erstrebenswertes Ziel. Mit Blick auf den einzelnen Patienten ist naheliegend: Wenn ich krank bin, wünsche ich mir die bestmögliche Gesundheitsversorgung, und die beinhaltet eine hohe Behandlungsqualität! Zum anderen: Eine Messung und Verbesserung von Qualität bringt auch Vorteile für das Gesamtsystem, indem Ressourcen zielgerichtet und sinnvoll eingesetzt werden können. Ich habe über Qualität und Qualitätsmessung mit den Gründern von heartbeat medical gesprochen, die selbst ein System zur Qualitätsmessung entwickelt haben und anbieten.

Was bedeutet eigentlich Qualität in der Gesundheitsversorgung?

Der Wissenschaftler Avedis Donabedian hat sich ebenfalls Gedanken zu dieser Frage gemacht und im Jahr 1980 drei Dimensionen von Qualität vorgeschlagen, die sowohl in Forschung als auch Praxis viel beachtet werden. Donabedian unterscheidet dabei die folgenden, voneinander abhängigen und sich gegenseitig beeinflussenden Qualitätsdimensionen:

  • Strukturqualität: Das ist die Qualität der Rahmenbedingungen für die medizinische Versorgung. Sie bildet somit die Fähigkeiten der entsprechenden Institutionen ab. Also zum Beispiel: Wie viele Mitarbeiter hat ein Krankenhaus, wie sind sie qualifiziert, was für technische Geräte sind vorhanden?
  • Prozessqualität: Das ist die Art und Weise, wie ärztliche, pflegerische und administrative Leistungen erbracht werden. Also zum Beispiel: Wie wird eine Behandlung durchgeführt, wie lang sind mögliche Wartezeiten?
  • Ergebnisqualität: Dabei handelt es sich um Veränderungen des Gesundheitszustandes, die medizinischem Handeln zuzuschreiben sind. Häufig erfolgt dabei ein Ist-Soll Vergleich und manchmal auch die Beurteilung von Lebensqualität. Also zum Beispiel: Wie oft treten bei Behandlung X Komplikationen auf? Trägt eine Operation zur Reduzierung von vorherigen Schmerzen und der Erhöhung von Beweglichkeit bei?

Yannik Schreckenberger von heartbeat medical sagt dazu ganz klar: „Für uns macht Qualität in der Gesundheitsversorgung die vom Patienten gefühlte Verbesserung der Lebensqualität aus! Ein guter Eingriff ist einer, der die Lebenssituation eines Patienten verbessert. Und Lebensqualität wird von jedem ein wenig anders wahrgenommen.“ Dabei handelt es sich also um eine Messung von Ergebnisqualität, bei der der Patient im Zentrum der Betrachtung stellt. Denn was helfen – wie auch Porter und Guth argumentieren – bestimmte strukturelle Voraussetzungen oder Prozess-Charakteristika, wenn das Resultat nicht stimmt?

Heartbeat medical hat eine Software entwickelt, mit der man die Lebensqualität von Patienten vor und nach Operationen erfassen kann. Vom jeweiligen Therapeuten ausgewählte und mit dem Patienten abgestimmte Zielwerte und Erfolgskriterien wie zum Beispiel das Auftreten von Schmerzen und die Beweglichkeit im Alltag können so systematisch gemessen und bewertet werden. Aber woher stammen eigentlich die Daten, die in Qualitätsmessungen im Bereich Gesundheitsversorgung eingehen können?

Wie kann man Qualität in der Gesundheitsversorgung messen?

Die Messung von Qualität in der Gesundheitsversorgung erweist sich als eine gewisse Herausforderung. Verschiedene Datenquellen können dazu genutzt werden. Generell lässt sich zunächst zwischen der Verwendung von Routinedaten und klinischen Daten unterscheiden. Die Unterschiede haben die Experten von heartbeat medical schon mal sehr schön hier deutlich gemacht, ich fasse kurz zusammen:

Routinedaten Klinische Daten
Beschreibung Daten, die originär zu Abrechnungszwecken genutzt und an die Krankenassen übermittelt werden Daten, die gesondert gesammelt werden – innerhalb medizinischer Studien oder durch die gezielte Befragung von Patienten
Vorteile Daten sind schnell für Bemessung von Qualitätsindikatoren verfügbar

Eignen sich gut zur sektorenübergreifenden Verfolgung von Patienten

Hohe Datenqualität

Gezielte Informationssammlung und Befragung des Patienten möglich

Nachteile Datenqualität: Daten sind ursprünglich nicht zur Qualitätsmessung gedacht, wichtige Details fehlen oft Höherer Aufwand der Datenerfassung

Oft nur zu bestimmten Studienzeitpunkten, keine längerfristige Beobachtung

Klinische Daten – wie sie auch mit heartbeat ONE, dem von heartbeat medical entwickelten Messsystem, erhoben werden können – ermöglichen also eine gezielte Befragung von Patienten. So können z.B. Fragen zu nicht durch Routinedaten erfasste Begleiterscheinungen gestellt werden. PROMS (Patient Reported Outcome Measures) sind dabei klinische Daten, die so erhoben werden, dass sie auf der Wahrnehmung einer Krankheit und ihrer Behandlung durch den Patienten beruhen – und somit sehr gut zur Messung von Lebensqualität geeignet sind.

Qualitätsmessung und Vorgaben vom Gesetzgeber

Seit 2000 gibt es eine gesetzliche Verpflichtung für Leistungserbringer im ambulanten Sektor, Qualitätssysteme einzusetzen. Laut Herrn Porter und Herrn Guth wird dabei aber vor allem Strukturqualität systematisch gemessen, z.B. in Form der Teilnahme von Ärzten an Qualitätszirkeln. Prozess- und Ergebnisqualität werden – wenn überhaupt – eher punktuell in Betracht gezogen: Etwa in Studien innerhalb einzelner Gesundheitsorganisationen und punktuellen Befragungen zur Prozessqualität. Oder eben wenn ein Leistungserbringer sich entscheidet, Werkzeuge zur Messung der Ergebnisqualität wie das von heartbeat medical gezielt einzusetzen.

Auch in der stationären Versorgung gibt es ebenfalls seit 2000 eine umgesetzte Verpflichtung zur Qualitätsmessung, wobei verschiedene Systeme zum Einsatz kommen. In jährlichen Qualitätsberichten müssen z.B. bestimmte Qualitätsindikatoren offengelegt werden. Erfreulich ist: Hier gibt es eine Entwicklung, die auch die Messung von Ergebnisqualität mit einbezieht. Mit dem Krankenhausstrukturgesetz 2016 werden sich die Ergebnisse von Qualitätsmessungen sogar langfristig auf die Krankenhausplanung auswirken. Allerdings werden im Rahmen dieser gesetzlich verpflichtenden Qualitätsmessung zwar Indikatoren der Ergebnisqualität gemessen, allerdings handelt es sich hierbei in den seltensten Fällen um Indikatoren der Lebensqualität. Auch ist offen, wie verlässlich und vollständig die in eine Qualitätsmessung bzw. externe Qualitätsdarstellung eingegangen Daten tatsächlich sind. Und laut den Gründern von heartbeat medical stellt sich auch immer die Frage, wie und ob eigentlich die Qualität eines Krankenhauses verständlich und übersichtlich an potentielle Patienten kommuniziert wird.

Messung von Lebensqualität mit heartbeat ONE

Hinter heartbeat ONE steht das Startup heartbeat medical, das im Jahr 2014 von Yannik Schreckenberger, Marc Tiedemann, Yunus Uyargil und Sebastian Tilch gegründet wurde und bereits in einer Finanzierungsrunde eine höhere sechsstellige Summe einsammeln konnte. Die Gründer können dabei auf eine langjährige Erfahrung im Gesundheitssektor zurückblicken.

Heartbeat ONE ist seit 2015 auf dem Markt. Dabei handelt es sich um ein webbasiertes System zur Patientenverwaltung für Praxen und Krankenhäuser. Darüber hinaus kann heartbeat ONE durch die digitale Erhebung von umfangreichen, indikationsspezifischen Anamnesen   Diagnostiken und Behandlungsverfahren intelligent und übersichtlich auswerten – also die Qualität von Behandlungen sichtbar machen. So erhalten Therapeutin und Patient ein unmittelbares Feedback zur Wirksamkeit der Behandlung in Bezug auf die Lebensqualität. Heartbeat ONE kann sowohl im stationären als auch ambulanten Bereich, z.B. zur Vorbereitung, Nachbereitung und Verlaufskontrolle von Operationen, genutzt werden. Eine Beschreibung der genauen Funktionalitäten gibt es hier.

So entstehen verschiedene Vorteile für Patienten und den Leistungserbringer, was sich auch darin zeigt, dass das Produkt bereits erfolgreich in verschiedenen Kliniken (u.a. hier) und Praxen eingesetzt wird.

Ich durfte das Ganze ausprobieren und viele Fragen stellen – und bin ziemlich begeistert. Darum werde ich im nächsten Beitrag in diesen Blog am Beispiel von heartbeat ONE darstellen, welche Vorteile sich durch eine ergebnisorientierte Qualitätsmessung in der Gesundheitsversorgung für verschiedene Stakeholder ergeben.

Danke an Marc Tiedemann und Yannik Schreckenberger von heartbeat medical für das Gespräch!

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