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Die Vorteile webbasierter Messungen von Lebensqualität für Patienten, Leistungserbringer und die Forschung – Im Gespräch mit heartbeat medical, Teil 2

Bisherige Systeme zur Qualitätsmessung in der Gesundheitsversorgung weisen Schwächen auf. Ein Gespräch mit den Gründern heartbeat medical macht sehr deutlich, welche beachtlichen Vorteile die digitale, webbasierte Messung von Ergebnisqualität für alle Beteiligten bietet.

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 Bildquelle: heartbeat medical

Die webbasierte Messung von Ergebnisqualität bietet eine Reihe von Vorteilen für alle Beteiligten. Im Gespräch mit dem Team von heartbeat medical, das eine digitale Patientenakte mit Möglichkeiten zur Erhebung patientenbezogener klinischen Daten entwickelt hat, wird dies deutlich. Hier geht es zu meinem vorherigen Beitrag zu dem Thema, in dem um die Messung von Qualität in der Gesundheitsversorgung im Allgemeinen geht.

Vorteile für Patienten

Die Gründer von heartbeat medical sagen:

„Wir finden, jeder Patient sollte den gleichen Standard genießen wie ein Studienpatient“.

Die kontinuierliche Qualitätsmessung von Behandlungsergebnissen verspricht klare Vorteile für Patientinnen – vor allem, wenn sie webbasiert und digital ist:

  • Bessere Übersicht über Behandlungsergebnisse: Durch den Vergleich von mehreren Messungen kann die Qualität der Behandlung dokumentiert werden. So wird eine Verlaufskontrolle möglich, z.B. indem die Messung vor, direkt nach einer Operation und noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt. Einmalige Messungen nach der Operation sind weniger aussagekräftig, „denn wer erinnert sich noch ganz genau an die Schmerzen von vor einem halben Jahr“, wie die Experten von heartbeat medical verdeutlichen. Der Arzt kann dem Patienten diese vergleichenden Ergebnisse dann gut visualisiert ausdrucken und nach Hause mitgeben.
  • Umfangreiche Anamnese: Ein digitaler Anamnesebogen beruht auf einem wissenschaftlich evaluierten Anamnesebogen, der meist eine gewisse Länge aufweist. Aus meiner Erfahrung als Physiotherapeutin weiß ich: Nicht immer hat man als Behandler aufgrund der vorgegebenen Rahmenbedingungen die Zeit, alle diese Fragen auch wirklich in einem persönlichen Gespräch durchzugehen. Mit dem webbasierten Fragebogen funktioniert das besser, da die Software der Ausfüllenden die Fragen vorab zur Verfügung stellen kann. Die Software kann auch genau die Fragen gezielt auswählen, die wirklich für den jeweiligen Patienten sinnvoll sind (Stichwort Entscheidungsbaum). Und der Arzt bekommt die Ergebnisse wiederum aggregiert und nach Wichtigkeit sortiert präsentiert, was eine hervorragende Grundlage für das weitere Arzt-Patientengespräch und die folgende Behandlung ist.
  • Der Arzt hat mehr Zeit für den Patienten: Zumindest im Idealfall. Die Verwendung des Online-Fragebogens spart dem Arzt und seinen Mitarbeitern Arbeit (z.B. Zeit für die manuelle Auswertung) und somit könnte diese Zeit in den Kontakt mit dem Patienten investiert werden. Ob das dann auch wirklich getan wird, ist allerdings eine Frage der konkreten Praxisorganisation…
  • Höhere Flexibilität beim Ausfüllen: Webbasierte Fragebögen – wie die im System von heartbeat ONE angebotenen – können auf einem Tablet ausgefüllt werden. Damit kann der Fragebogen, der dem Patienten vom Arzt zur Verfügung gestellt wird, z.B. auch von zu Hause oder unterwegs bearbeitet werden und man ist nicht ans Wartezimmer gebunden.
  • Arztwahl aufgrund der Ergebnisse einer systematischen Qualitätsmessung: Wenn Ärzte flächendeckend die Ergebnisse der Qualitätsmessung ihrer Behandlungen zur Verfügung transparent machen würden, würde dies einerseits dazu beitragen, dass Patienten Behandlerinnen gezielt auswählen könnten. Zum anderen wäre durch eine erhöhte Transparenz auch eine allgemeine Verbesserung der Qualität zu erwarten. Auch ist die Messung von Behandlungsergebnissen vor dem Hinblick der Lebensqualität ein Messergebnis, mit dem ich persönlich als potentielle Patientin viel mehr anfangen könnte als z.B. mit Erfahrungsberichten, wie nett ein Arzt oder seine Mitarbeiter sind. Und ganz ehrlich: Am liebsten würde ich nur noch zu Ärzten gehen, die freiwillig Ergebnisse von Qualitätsmessungen ihrer Behandlungen zur Verfügung stellen! Dieses Potential bietet heartbeat ONE. „Allerdings ist eine flächendeckende patientenbezogene Qualitätsdarstellung im Moment noch Zukunftsmusik“, sagt Yannik Schreckenberger bedauernd. „Aber wir wären sofort dabei!“

 Ich durfte übrigens einen beispielhaften Anamnesebogen am Tablet ausprobieren. Und ich muss sagen: Die Nutzerfreundlichkeit und das Design gefallen mir sehr gut; das Ausfüllen hat Spaß gemacht. Das Team von heartbeat medical hat auch ausprobiert, ob sich auch ältere Menschen mit dem Fragebogen auf dem Tablet anfreunden können und hier sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch zum Umgang mit Patientendaten habe ich die Gründer befragt: Selbstverständlich gibt ein umfangreiches Datenschutz- und Sicherheitskonzept. Es beinhaltet, dass Daten verschlüsselt, gegen Fremdzugriffe geschützt und nur in deutschen Rechenzentren oder auf eigenen Servern der Klinik/Praxis abgelegt werden.

Vorteile für Leistungserbringer

Auch für Leistungserbringer wie Kliniken oder im ambulanten Sektor tätige Ärzte oder Physiotherapeuten weist die Lösung von heartbeat ONE verschiedene Vorteile auf. Wichtig dabei: „Was wir tun, ist mit Ärzten für Ärzte entstanden“, sagen die Gründer.

Zusammengefasst und im BWLer-Sprech: Qualitätsmessung kann Wettbewerbsvorteile generieren – sowohl durch eine Differenzierung als Anbieter als auch durch die Senkung von Kosten. Selbst, falls man zu Anfang gar nicht so besonders gut mit der Qualität ist…

  • Qualitätsverbesserung: Durch eine systematische Qualitätsmessung wird Qualität sichtbar gemacht – und daraus können Schlüsse gezogen werden, durch welche Maßnahmen Qualität weiter verbessert werden kann. Im Falle von heartbeat ONE kann dabei sogar die patientenbezogene Outcomequalität abgebildet werden. So können beispielsweise Operationstechniken, eingesetzte Materialien aber auch Operateure langfristig verglichen und bewertet und Rückschlüsse für Verbesserungen in der eigenen Organisation gesammelt werden. „Jede Organisation kann dabei viel lernen“, fassen es die Gründer zusammen.
  • Nachweis eines hohen Qualitätsstandards: Zudem kann eine hohe Qualität auch in der Außendarstellung genutzt werden – wodurch eine Differenzierung durch die Positionierung als qualitätsbewusster Leistungserbringer und den gleichzeitigen Nachweis einer hohen Qualität möglich wird, wie Marc Tiedemann und Yannik Schreckenberger erläutern. Transparenz nach außen wird von ihnen als ein wichtiger Schritt auf dem Weg der kontinuierlichen Qualitätsverbesserung benannt.
  • Mehr Informationen für mündige Patienten: Die Ärztin kann dem Patienten die Ergebnisse der Qualitätsmessung gezielt in einem übersichtlichen Ausdruck zur Verfügung stellen. Ich als mögliche Patienten wäre über so eine Transparenz sehr glücklich, und: Der Arzt bleibt Gatekeeper und kann dem Patienten die Ergebnisse gezielt erläutern, sodass es nicht zu falschen Interpretationen kommt.
  • Verbesserung von Workflows: Die digitale Befragung von Patienten bietet mehrere Vorteile: Neben dem Wegfall einer Menge von Papier können auch Prozesse verbessert und damit Zeit – und Geld – gespart werden. „Heartbeat ONE bietet eine Schnittstelle zur Praxissoftware eines Arztes. So können die Hauptdaten eines Patienten direkt automatisch eingepflegt werden“, erklärt mir Marc Tiedemann. Praktisch!
  • Zeitersparnis: Durch den Einsatz des webbasierten Fragebogens und seiner automatisierten Auswertung wird viel Zeit gespart – zum Beispiel kann die Versendung von Follow-up-Befragungen einfach durch den Arzt per Email ausgelöst werden. Diese Zeit kann anders investiert werden. Z.B. kann ein Arzt mehr Zeit am Patienten verbringen und/oder den systematischen Aufbau von Überstunden verringern. 

Die Fragebögen, die in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Nutzern in heartbeat ONE den Patienten zur Verfügung gestellt werden, basieren auf etablierten Standards und sind bereits validiert. Die Visualisierung der erhobenen Daten ist sehr übersichtlich und leicht verständlich. Für den Behandler besonders wichtige Informationen werden aggregiert dargestellt – „der Arzt soll mit einem Blick erkennen können, wo der Patient steht“, verdeutlichen die Gründer. Zudem gibt es automatisierte Warnungen zu besonders auffälligen Daten (z.B. Ko-Morbiditäten), was die Risikominimierung unterstützt.

Da die Technik webbasiert ist, können Patient und Ärztin darauf betriebssystemunabhängig zugreifen. Im Moment sieht das Geschäftsmodell vor, dass Leistungserbringer eine monatliche Gebühr für die Nutzung von heartbeat ONE entrichten. Diese liegt momentan zwischen 89 und 1200 Euro pro Monat – je nach Zahl der Behandler. In Zeiten, in denen Budgetierungen für Leistungserbringer zukünftig immer mehr von der erbrachten Qualität abhängen werden bzw. gar pay-for-performance einmal eine Rolle spielen könnte, ist das sicher eine lohnenswerte und zukunftsgerichtete Investition!

Vorteile für die Wissenschaft

In meinen Augen bergen webbasierte Tools zur Qualitätsmessung auch große Potentiale für die Wissenschaft. Mit vergleichbar wenig Aufwand – nämlich quasi im Behandlungsalltag – können einfach große Datenmengen erhoben werden, die eine Aussage über die Wirksamkeit bestimmter Behandlungsverfahren machen. Zudem arbeitet das Team von heartbeat medical auf Wunsch die Daten noch sehr übersichtlich und eingängig auf. So konnten schon interessante Erkenntnisse aus einer großzahligen Patientenpopulation zur Wahl des am besten geeigneten körpereigenen Implantatmaterials für den Ersatz von Kreuzbändern gewonnen werden. Selbstverständlich werden bei der Auswertung solcher Daten geltende Datenschutzrichtlinien beachtet.

Auch bietet sich der Einsatz von heartbeat ONE als Befragungstool für Wissenschaftler an – anstatt herkömmlicher papierbasierter Befragungen. Yannik Schreckenberger sagt dazu auch: „Vielleicht können wir in absehbarer Zeit auch ein besonderes Paket für Doktoranden schnüren“. Das wäre toll, da dann die durch diese neue Applikation entstehenden Möglichkeiten langfristig auch der Grundlagenforschung und damit der Allgemeinheit zu Gute kommen könnten.

Mein Fazit

Am Schluss des Gespräches sagten mir Yannik Schreckenberger und Marc Tiedemann: „Für uns ist das eine Herzenssache, die auch noch wahnsinnig Spaß macht!“ Und ich denke auch: Bitte mehr davon – mehr Leistungserbringer, die Lebensqualität messen und die Ergebnisse sinnvoll zur Qualitätsverbesserung nutzen. Mehr Transparenz für den Patienten bei der eigenen Behandlung und der Auswahl von Leistungserbringern. Und neue Forschungserkenntnisse. Das würde ich mir für die Zukunft wünschen!

Danke an Yannik Schreckenberger und Marc Tiedemann von heartbeat medical für das Gespräch!

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